Botond, Marita Bullmann, Frank Homeyer, Evamaria Schaller,
Björn Schülke, Marion Anna Simon und Claudia Weyrich
FRAGILE UTOPIEN – vom Menschsein versammelt sieben künstlerische Positionen, die den Menschen nicht als feststehende Größe begreifen. Die Arbeiten setzen beim Körper an, bei Trauer und Erinnerung, bei Nähe und Begehren, bei gesellschaftlichen Rollen und Ritualen, bei unserem Vertrauen in Bilder, Technik und Fortschritt und bei der Frage, was bleibt, wenn Gewissheiten brüchig werden.
Zu sehen sind Malerei, Zeichnung, übermalte Fotografie, Skulptur, Videoinstallation, Performance und kinetische Objekte.
Große Gegenentwürfe zur Gegenwart sucht man hier nicht. Die Utopien dieser Ausstellung sind kleiner, persönlicher und konkreter. Sie entstehen im Tun, im Wiederholen, Erinnern, Beobachten und Beharren.
Viele der beteiligten Künstlerinnen und Künstler arbeiten langsam und mit der Hand. Botond nähte seine Figuren Stück für Stück aus Folie zusammen. Marion Anna Simon malte und zeichnete elf Monate lang nahezu täglich ein Selbstporträt. Marita Bullmann entwickelt ihre Arbeit erst im Raum und durch die Handlung ihres Körpers. Frank Homeyer greift in Fotografien ein und verändert sie Schicht für Schicht.
In einer Gegenwart, die von technischer Beschleunigung, politischen Umbrüchen und permanent verfügbaren Bildern geprägt ist, bekommt diese Langsamkeit eine eigene Qualität.
Die Ausstellung entwirft dabei kein harmonisches Bild vom Menschen. Im Gegenteil. Körper erscheinen offen und durchlässig, Erinnerungen werden neu geschrieben, religiöse und kulturelle Bilder verschieben ihre Bedeutung, Maschinen versprechen Fortschritt und geben zugleich Rätsel auf.
Was entsteht, ist keine Utopie als fertiger Entwurf, sondern die Frage, woran wir festhalten, wenn nichts endgültig sicher ist.
Der Bildhauer Botond beschäftigte sich in seiner Werkgruppe „Hirn“ mit der Frage, wo das sitzt, was wir Seele, Bewusstsein oder Ich nennen. Seine transparenten Körper aus Polyethylenfolie lassen sich von außen durchdringen und bleiben dennoch rätselhaft. Man kann in sie hineinsehen und findet keine eindeutige Antwort darauf, was den Menschen im Innersten ausmacht.
Marita Bullmann entwickelt für FRAGILE UTOPIEN eine performative Installation direkt im Atelierzentrum Ehrenfeld. Ausgangspunkt sind der vorhandene Raum, gefundene Materialien und der eigene Körper. Während der Vernissage entsteht die Installation durch eine Performance. Was bleibt, sind die Spuren einer Handlung, die im Raum weiterwirken.
Frank Homeyer zeigt Arbeiten aus seiner seit 2024 entstehenden Serie „dreaming on my couch“. Fotografien werden als Pigmentdruck auf Papier übertragen und anschließend mit Tusche übermalt und koloriert. Die Übermalungen verdecken das ursprüngliche Bild nicht, sondern verschieben und verdichten es. Erinnerung erscheint dabei nicht als verlässliches Archiv, sondern als etwas, das durch unseren späteren Blick immer wieder neu entsteht.
Evamaria Schaller arbeitet mit Performance, Video und Installation. In ihren Arbeiten setzt sie den eigenen Körper gesellschaftlichen Ordnungen, Ritualen und Blicken aus. Ihre dreiteilige Filminstallation bewegt sich zwischen Verbergen und Sichtbarkeit und stellt die Frage, wie sehr Vorstellungen von Identität, Schönheit und Zugehörigkeit von außen geprägt werden.
Die kinetischen Objekte von Björn Schülke erinnern an Satelliten, Messinstrumente oder futuristische Maschinen. Sie bewegen sich zwischen wissenschaftlichem Gerät, Spielzeug und absurdem Apparat. Schülke greift damit auch unseren Glauben an Technik und Fortschritt auf. Seine Maschinen können etwas, doch ihr eigentlicher Nutzen bleibt offen.
Für Marion Anna Simon ist Kunst eine Handlung. Nach dem Tod ihrer Mutter begann sie, das Kaddisch, das jüdische Gebet für die Toten, in Bilder zu übersetzen. Innerhalb von elf Monaten entstanden 333 gemalte und gezeichnete Selbstporträts. Trauer, Erinnerung und Ritual werden zu einer täglichen künstlerischen Praxis. Auch in „Salomé (Mittelalterküche)“ verschiebt Simon eine überlieferte Geschichte in die Gegenwart und untersucht dabei Begehren, Gewalt, Macht und gesellschaftliche Rollen.
Bei Claudia Weyrich stehen Liebe und Hoffnung bereits in den Bildtiteln. Ihre Farbfeldmalerei arbeitet mit weichen Übergängen, Kontrasten und offenen Formen, die an Körper, Pflanzen, Wolken oder Landschaften erinnern können. Neben den körperlich und gesellschaftlich aufgeladenen Arbeiten der anderen Positionen wirken ihre Bilder zunächst wie ein Gegenpol. Im Zusammenhang der Ausstellung wird jedoch deutlich, dass auch Hoffnung keine selbstverständliche Haltung ist. Sie hält eine Möglichkeit offen.
Was verbindet diese sieben Positionen?
Keine von ihnen entwirft ein abgeschlossenes Bild vom Menschen.
Botonds Körper lassen sich öffnen, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Bullmanns Installation entsteht aus einer Handlung und bleibt als deren Spur zurück. Homeyers Bilder zeigen, wie sehr Erinnerung vom späteren Blick verändert wird. Schallers Arbeiten untersuchen den Körper zwischen eigener Identität und fremder Zuschreibung. Schülkes Maschinen spiegeln unseren Glauben an Technik ebenso wie unsere Zweifel daran. Simon verwandelt Trauer und Erinnerung in Handlung. Weyrich hält die Möglichkeit von Hoffnung offen.
Der Mensch erscheint darin als etwas Veränderliches.
Wir bestehen aus Körper und Erinnerung, aus Beziehungen und Erzählungen, aus Glauben und Zweifel, aus dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Autonomie. Wir entwickeln Rituale, bauen Maschinen, schaffen Bilder und entwerfen Vorstellungen davon, wie eine Zukunft aussehen könnte.
Und immer wieder müssen wir diese Vorstellungen korrigieren.
Vielleicht sind Utopien deshalb zwangsläufig fragil.
Nicht weil Hoffnung vergeblich wäre, sondern weil jede Vorstellung einer besseren Zukunft von Menschen entworfen wird und damit offen, widersprüchlich und veränderbar bleibt.
FRAGILE UTOPIEN – vom Menschsein sucht nicht nach der einen besseren Welt. Die Ausstellung hält vielmehr einen Raum offen, in dem unterschiedliche Vorstellungen davon nebeneinander bestehen können, was es heißt, Mensch zu sein.
Audioguide der Ausstellung
Die Ausstellung FRAGILE UTOPIEN – vom Menschsein wird gefördert vom Kulturamt der Stadt Köln und der Bezirksvertretung Köln-Ehrenfeld. Der artrmx e.V. bedankt sich bei den Förderern für ihre Unterstützung.